Wie Kinder sich von Stress und Trauma befreien

Hinter uns liegt ein 8-tägiger Krankenhausaufenthalt. Mein Jüngster (20 Monate alt) musste sich einigen Untersuchungen stellen, teilweise für ihn unangenehm oder sogar schmerzhaft. Für mich glich die Zeit einer emotionalen Achterbahnfahrt.

Mein Mann war mit unserem Großen (4) zu Hause, bangte und betete mit. Der Große stand vor der Herausforderung, dass Mama, die fast fünf Jahre ständig an seiner Seite war, von jetzt auf gleich weg war.

Für alle Beteiligten eine schwere Zeit.

Eigentlich war es ganz anders geplant. Aber es kommt ja meistens anders, als man denkt…

 

Stress für ein Kleinkind

Als ich mein Zertifikat zum Aware Parenting Instructor (Coach für bewusstes Elternsein) by Aletha Solter in den Händen hielt, war für mich klar: Ich möchte so schnell wie möglich beginnen, das Wissen in die Welt zu tragen.

Ich möchte Workshops geben, Vorträge halten, Kurse aufbauen, Beratungen durchführen, Mütter (und Väter) begleiten.

Doch dann kam erst einmal alles anders, denn das Schicksal hatte andere Pläne mit mir: Meine eigene Familie brauchte gerade meine ungeteilte Aufmerksamkeit:

Bei unserem 20-Monate alten Sohn stand der Verdacht auf einen Hirntumor im Raum. Wir wurden in eine Klinik verwiesen und mussten dort viele Tests und Untersuchungen über uns ergehen lassen.

Ich merkte meinem Sohn bereits in der Notaufnahme an, dass ihm die grellen Lichter, die fremden Menschen, die an ihm herumhantierten, die Geräusche der Geräte und die ungewohnte, aufgeregte Stimmung sichtlich Angst machten.

Die (erste) Nacht im Krankenhaus war jedoch erstaunlich entspannt, ich hätte erwartet, dass Finn die Erlebnisse des Tages in der Nacht verarbeiten muss. Stattdessen schlief er friedlich in unserem selbstgebastelten Familienbett. Doch die Entladung des Stresses sollte nicht lange auf sich warten lassen.

 

Wie sich Babys und Kleinstkinder von Stress entlasten

Schon am nächsten Morgen quengelte er, egal, was ich probierte, um ihn glücklich zu machen. Nichts half. Als Aware Parenting Instructor schrillen in dem Moment alle Alarmglocken, und ich verstand, dass sich mein Kind von dem erlebten Stress befreien muss. Würde ich diesem seinem Bedürfnis jetzt nicht nachkommen, würde er wahrscheinlich den ganzen Tag quengeln, bis er sich endlich so richtig bei mir ausweinen darf.

Also setzte ich mich, mein Kind in meinen Armen haltend, auf den Boden und begann, ihm zuzuhören. Ich hörte auf, ihn abzulenken, und schenkte ihm stattdessen all meine Aufmerksamkeit: Ich suchte Augenkontakt, redete mit ihm, sagte, dass ich für ihn da bin, dass er mir alles erzählen darf, verlautbarte mögliche Stressmomente. Vor allem in diesen Momenten schien ich den Nagel meist auf den Kopf zu treffen, denn er weinte genau dann noch heftiger.

Ich hielt ihn fest in meinen Armen, begleitete, hörte zu, war einfach DA. Er weinte und weinte und ich war da und hielt ihn.

Nach etwa 45 Minuten merkte ich, dass sein Weinen in ein Schluchzen überging, es gab kleinere und dann größere Pausen. Ich merkte, dass das berühmte Fass, das wegen eines Tropfens übergelaufen war, sich langsam aber sicher leerte. Mein Kind befreite sich durch sein Weinen und die Tatsache, dass ich bei ihm war und ihn hielt, von seinem Stress und möglichen, im Zusammenhang stehenden Traumata.

Als er fertig war, schaute er mir noch einmal tief in die Augen, kuschelte sich dann an mich und schlief friedlich ein.

 

Körperliche Anzeichen für seelischen Stress

Einige Tage später, wir hatten inzwischen einige Untersuchungen erfolgreich gemeistert, hatte Finn abends Bauchschmerzen. Offensichtlich, denn sein Bauch war geschwollen und man sah, dass es ihn schmerzte. Er schlief zwar zunächst ruhig ein, wachte aber schon bald wieder auf, krümmte sich, wälzte seinen kleinen Körper von rechts nach links und wieder zurück und schaute mich flehentlich an: Bitte tu doch was.

Mein erster Impuls war, die Schwester zu rufen, damit man ihm die Schmerzen nimmt, wie auch immer. Gesagt, getan, sie kam, gab ihm etwas und Finn schlief wieder ein. Doch auch dieses Mal nur kurz. Er erwachte ein weiteres Mal mit denselben Symptomen.

Stress kann auch auf den Bauch schlagen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, und so entschied ich, ihn hochzunehmen, ihn zu halten und ihm zuzuhören, ohne dass ich ihm weitere Medikamente verabreichte.

 

Die heilende Wirkung des (begleiteten) Weinens

Er weinte etwa eine halbe Stunde lang, „erzählte“ mir von all den Dingen, die ihm in den letzten Tagen Angst gemacht haben, von Verunsicherung, von Menschen, die seine Grenzen nicht geachtet haben, die ihm näher kamen, als er das hätte haben wollen…

Nach dieser halben Stunde weinen, während ich ihn liebevoll in meinen Armen hielt, schlief er friedlich ein. Auch wachte er in dieser Nacht nicht mehr auf, weder um mir „mitzuteilen“, dass es ihm nicht gut geht, noch wegen Bauchschmerzen. Er schlief friedlich, ohne sich noch einmal zu krümmen oder sein Gesicht schmerzvoll zu verziehen. Sein kleines Gesichtchen war völlig entspannt.

Die ganze Angst und Wut in seinem kleinen Bauch hat ihn so sehr gepiesackt, dass nicht mal die Medikamente ihm halfen. Erst die Entlastung durch Weinen (während er gehalten wird) hat seinen kleinen wütenden Bauch geheilt.

Von Müttern, mit denen ich ins Gespräch kam über die Nachwehen von Krankenhausaufenthalten, erfuhr ich, dass ihre Kinder im Anschluss zu Hause häufig unausgeglichen oder aggressiv waren, nicht mehr kooperierten oder mit Angstzuständen konfrontiert wurden.

Wenn Dein Kind noch jung ist, ist die Entlastung durch Weinen (während Dein Kind von Dir gehalten wird!) eine gute Methode zur Verarbeitung von Stress und Traumata.

Stressabbau bei älteren Kindern

Wenn Dein Kind schon älter ist, kannst Du mit Rollenspielen therapeutisch einwirken (einer der Arzt, der andere der Patient). Oder ihr stellt anhand von Puppen, Kuscheltieren oder anderen Gegenständen eine Szene aus dem Krankenhaus dar. Nachdem mein kleiner Sohn und ich wieder aus dem Krankenhaus nach Hause kamen, wollte der Große (4) ein paar Tage lang ständig “Arzt” spielen. Im Spiel verarbeitete er alles, was er von uns aus dem Krankenhaus mitbekommen hatte, zum Beispiel musste ich zum MRT und er wertete anschließend die Aufnahmen aus. Oder er prüfte die Temperatur im Ohr, zog sich Handschuhe an vor den Untersuchungen und so weiter.

Ideal ist es zudem, wenn ihr gemeinsam lachen könnt, beispielsweise möchtest Du bei Deinem kleinen Patienten die Temperatur messen, steckst das Thermometer aber versehentlich in die Nase. Dann in die Kniekehle usw. Und dann wunderst Du Dich sehr, dass das Gerät die Temperatur nicht misst. Tue möglichst verdattert und so, als ob Du die Welt nicht mehr verstehst. Dein Kind wird sich vermutlich schlapp lachen, und das ist gut so!

Grundsätzlich gilt: Folge dem Lachen. Denn nicht nur Weinen, sondern auch Lachen bringt Heilung und entlastet von Stress und Traumata.

Hier geht´s zum Artikel über Bindungsspiele.

Und habt ihr selbst eine traumatische Zeit erleben müssen und Du wünschst Dir Hilfe beim Verarbeiten, dann klicke HIER.

6 Kommentare

  • Annika

    Liebe Jenn,

    Ich habe Deinen Text so verschlungen, da war so viel Liebe und Verständnis in dir…. VERTRAUEN zwischen deinem Kind und Dir.
    Ich finde es großartig wie Du dein Kind beim Stressabbau begleitet und seine innere Angst erkennst.
    Dein Wissen muss raus in die Welt.

    Liebe Grüße,
    Anny

    • Jenn

      Liebe Anny, danke für Deinen lieben Kommentar. Genau, ich bin dran, dass das Wissen in die Welt raus geht. 🙂 Aktuell braucht mich meine Familie zu sehr, aber Pläne habe ich bereits eine ganze Menge. Bist Du zufällig aus dem Rhein-Main-Gebiet? Dann könnten wir uns bei einem meiner Workshops persönlich kennenlernen. Deine Jenn

  • Andrea Fäh

    So schön, konntest du dies so gut umsetzten und wusstest wie ihn zu begleiten. Früher dachte ich, dass ich meinen Sohn unbedingt beruhigen müsste und weinen sei auf jeden Fall keine Lösung. Doch gerade in den letzten Tagen, nach dem ich aus dem Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause kam, wusste ich, dass die Kinder (3+5) dies in irgendeiner Form verarbeiten mussten. Und so könnte ich auf ihr Weinen eingehen und sie waren dann nicht mehr quängelig, so wie es normalerweise der Fall gewesen wäre, wenn ich mal einen Abend weg war.

    • Jenn

      Liebe Andrea, es ist wichtig, dass wir beobachten und wenn wir merken, die Bedürfnisse sind alle gestillt, ist es gut möglich, dass sie sich einfach mal ausweinen dürfen. Wenn wir ihnen dann eine starke Schulter bieten zum Anlehnen, geht es ihnen bald wieder gut, sie stehen auf, als ob nichts gewesen wäre und spielen fröhlich weiter. Immer wieder faszinierend für mich zu sehen.

  • Anke Eyrich

    Liebe Jenn,

    Ich bin tief berührt über das, was du schreibst und schilderst! Wie du deinen Sohn begleitest und seine Botschaften verstehst, dass er gestresst ist von all den vielen Eingriffen und “Übergriffen” (aus seiner Sicht) im Krankenhaus. Sehr eindrücklich und in allem Leid auch schön, dass du ihm zuhörst und ihm beim Weinen und Stress entlasten einfühlsam begleiteten kannst. Wie gut, dass du das Aware Parenting Wissen hast, so gut umsetzen kannst und nun für ihn da bist.
    Ich wünsche euch alles Liebe in allem und dass sich alles zum Guten wendet!

    Deine Anke

    • Jenn

      Liebe Anke, hab vielen lieben Dank für Deine Empathie und lieben Worte. ES ist schön zu wissen, dass uns Menschen in Gedanken auf unserer Reise begleiten. Herzlichst, Deine Jenn

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