Von Strafen und Belohnungen

„Denk an deinen Smiley-Plan! Du möchtest doch heute Abend fernsehen und Süßigkeiten essen, oder?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen fixiert die Krankenpflegerin den 7-jährigen Jungen, der gerade noch lebendig durch den Krankenhausflur gestürmt ist. Demütig steht er nun vor ihr, den Kopf gesenkt. Der Junge wird kurzerhand auf „sein Zimmer“ geschickt, wo er zu warten hat, bis er geholt wird.

 

Ich befinde mich derzeit mit unserem 2-jährigen Sohn im Krankenhaus, der aufgrund einer schweren Krankheit medikamentös eingestellt wird. Auf der Station „wohnen“ für einige Wochen körperlich und geistig behinderte Kinder, manche mit Eltern, viele ohne ihre Eltern. Es gibt straffe Vorgaben, wie der Tag abläuft, was die Kinder dürfen, was nicht und wie sie sich zu verhalten haben.

Die Kinder bekommen für alles, was sie „gut“ gemacht haben, einen Smiley: Bett machen, selbständig anziehen, Zähne putzen, pünktlich beim Essen gewesen usw.

Wenn sie etwas „nicht gut“ gemacht haben, gibt es Punktabzug und im Zweifel abends kein Fernsehen und / oder keine Süßigkeiten. Also eine Strafe.

Szenenwechsel:

Ein geistig behinderter, dicklicher Junge (15) steht in seiner offenen Zimmertür und wartet darauf, für das Abendessen „geholt“ zu werden. Als eine Pflegerin vorbeikommt, fragt er neugierig, wann es denn endlich soweit sei. Die Schwester antwortet trocken: „Das Zwiebelbrot ist nicht fertig, es dauert also noch ein bisschen.“ Mit einem gehässigen Lachen fügt sie hinzu: „Aber viel solltest du davon nicht essen, Specki“.

Ein weiteres Beispiel:

Drei der Kinder (die ohne ihre Eltern da sind) streiten sich. Die Krankenschwester sieht nicht, wer wen geschubst hat, zitiert aber eines der Kinder zu sich. Er soll entscheiden, ob er lieber auf Fernsehen oder auf Süßigkeiten verzichten will. Er entgegnet nichts, hält einzig seinen Kopf gesenkt voller Schuld. Da er nichts sagt, entscheidet sie: „Kein Fernsehen heute!“ Sie schickt den Jungen auf sein Zimmer mit den Worten: „Komm bloß nicht raus, sonst reicht es mir endgültig!“ Daraufhin geht die Pflegerin weiter zu den beiden Mädchen, die bereits voraussehend in ihr gemeinsames Zimmer geflüchtet sind und schreit: „Und ihr beiden Zicken hört jetzt auch auf!“

Ich stehe im Flur. Ich habe alles angehört und angesehen. Auch, dass eines der Mädchen den Jungen zuerst geschubst hatte. Das hat die Pflegerin nicht mitbekommen und hat (fälschlicherweise) den Jungen vor allen beschämt.

Am schwarzen Brett der Station ist auf einem Plakat zu lesen: Gewalt kommt uns nicht in die Tüte.

Da stehe ich nun, mein Mund offen vor Erstaunen, froh, dass mein Sohn mit seinen zwei Jahren noch den „Niedlichkeits-Bonus“ hat… Und seine Mama bei sich, die wie eine Löwin für ihn und sein Seelenheil kämpfen würde.

„Forschungsergebnisse belegen, dass körperliche Strafen wie Prügel mehr schaden als nutzen, aggressives Verhalten intensivieren und im späteren Leben zu Ängsten oder Depressionen führen können“, so die Entwicklungspsychologin Dr. Aletha Solter.

Aber auch die, ich nenne sie mal „stumme Gewalt“ schadet Kindern. Nehmen wir das Beispiel der Auszeit, auch „Zimmerarrest“ genannt, in der das Kind von der Bezugsperson getrennt wird und alleine mit seinen Gefühlen klarkommen muss, und das in einem Moment, in dem es besonders viel Liebe und Zuwendung braucht. Es fühlt sich im Stich gelassen.

Dummerweise funktioniert Drohen und Strafen ja so prima. Wir erreichen, was wir wollen.

Kurzfristig.

Langfristig machen wir unsere Kinder gefügig. Das Aussprechen von Drohen und Strafen in der Konsequenz beruht dann nicht auf einer echten, authentischen Kooperationsbereitschaft seitens des Kindes. Und nicht nur das. Strafen (mit oder ohne Gewaltanwendung) sorgen dafür, dass die Beziehung zu unserem Kind leidet und führen dazu, dass das Kind einen heimlichen (oder ausgelebten) Groll gegen uns entwickelt.

Im Vorschulalter sind wir die Stärkeren, aber das wird sich schnell ändern. Das Machtverhältnis wird sich nach wenigen Jahren auf eine gleiche Stufe einpendeln und später haben die Kinder die Macht über uns Eltern. Dann nämlich, wenn sie flügge werden, unabhängig sein wollen, ihre eigene Persönlichkeit entdecken und ihren eigenen Willen gegen den der Eltern stellen. Und dann – spätestens – wird es sehr unangenehm.

Strafen sind in meinen Augen eine Form von Gewalt. Strafen hinterlassen Narben, die man nicht sehen kann, die aber dennoch da sind. Und die das Kind genauso für sein Leben prägen wie körperliche Gewalt.

Manche Eltern denken, eine gute Alternative zum Strafen seien Belohnungen: „Wenn du jetzt brav dein Bett machst, bekommst du einen Smiley und bei 10 gesammelten Smileys bekommst du eine Portion Süßigkeiten“.

Belohnungen sind zwar das bessere Mittel der Wahl, im Vergleich zu Bestrafungen, aber auch diese haben ihre Tücken. Zum einen greifen sie nicht mehr, wenn das Kind alt genug ist, sich selbst Süßigkeiten von seinem Taschengeld zu kaufen. Somit verliert die Aussicht auf Süßigkeiten ihre Motivationskraft.

Zum anderen kommt das Kind deinen Wünschen womöglich nur nach, weil es Aussicht auf die versprochene Belohnung hat, nicht aber, weil es auf deine Bedürfnisse oder das Wohl der Familie Rücksicht nimmt. Wenn später dann Belohnungen ausbleiben, oder diese nicht mehr interessant sind, sieht dein Kind womöglich keinen Grund mehr, deinen Bitten und Anforderungen aus eigenem Antrieb nachzukommen, weil es von äußeren Motivationsfaktoren abhängig geworden ist.

Ziel ist es, die intrinsische Motivation zu fördern, also dass dein Kind aus eigenem Antrieb heraus deine Wünsche erfüllen möchte.

Im Gegensatz dazu steht die extrinsische Motivation, das ist die Motivation aufgrund äußerer Antriebe. Diese Kinder werden von anderen abhängig, die ihr Verhalten mit äußeren Anreizen steuern. Sie büßen oft sogar ihr gesundes Urteilsvermögen ein. Das Gefährliche daran: Wenn diese Kinder älter werden, ins Teenager-Alter kommen, sind sie leider sehr offen für Mitmenschen, die ihnen interessantere Belohnungen als Smileys, Goldsternchen oder Süßigkeiten versprechen.

Eine gute, nein sehr gute Alternative sind die Bindungsspiele nach Dr. Aletha Solter. Mit diesen kannst du ohne Strafen und Belohnungen auskommen, sie helfen dir, eine gute Beziehung zu deinem Kind aufzubauen und vor allem zu bewahren.

 

„Das Ziel einer straffreien Erziehung besteht darin, die Sicherheit des Kindes zu gewährleisten, ihm die Informationen zukommen zu lassen, die es braucht, um im späteren Leben gute Entscheidungen treffen zu können, und ihm beizubringen, die langfristigen Folgen seines Verhaltens zu berücksichtigen (keine künstlichen, von den Eltern angedrohten Konsequenzen, sondern die Auswirkungen,  mit denen es im realen Leben konfrontiert wird). Effektive Erziehungsmaßnahmen basieren auf einer starken Eltern-Kind-Beziehung und dem inhärenten Wunsch des Kindes, sich zugehörig zu fühlen, einen aktiven Beitrag zu leisten und zu lernen“, so Solter in ihrem Buch „Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte“*.

 

Wie wir unsere Kinder behandeln bestimmt zum einen darüber, wie sie später uns behandeln.

Wichtig zu wissen: Unsere Gehirne sind von Erfahrungen geprägt. Wie wir heute mit unseren Kindern umgehen, bestimmt darüber, wie ihre Gehirne später funktionieren.

 

Buchtipps:

Spielen schafft Nähe – Nähe löst Konflikte“* von Dr. Aletha Solter und

Cooperative and connected“* von Dr. Aletha Solter (Englisch)

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